Equi-Libre

Urban Balancing ist die Bezeichnung für die sportliche Überwindung von Balance-Hindernissen im städtischen Raum. Oder anders formuliert: Die Kunst des urbanen Balancierens. Besonders bei Slacklinern und Traceuren (Parkour/Freerunning) ist diese Betätigung weit verbreitet. Ohne weitere Hilfsmittel wird dabei über bereits vorhandene Hindernisse wie Geländer, Mauern, Ketten, Stahlseile, Taue, Kunstobjekte und ähnliches balanciert. Für Slackliner wird die Stadt so zu einem grossen Spielplatz und zugleich zum alltäglichen Trainingsraum.

Kinder balancieren oft auf Mauern und Geländer. Sie erkunden die Stadt ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wie man sie zu begehen hat. Erwachsene sehen die Stadt in der Regel als ein geschlossenes System, wo man sich auf den vorgegebenen Wegen zu bewegen hat. Was neben dem Weg zur Arbeit oder dem Einkauf liegt, wird oft gar nicht mehr wahrgenommen. Grenzen in Form von Mauern oder Absperrungen prägen das Stadtbild. Beim Urban Balancing werden diese Grenzen ausgelotet und die Stadt auf spielerische Art abseits der vorgegebenen Wege zu neuem Leben erweckt.

Für meine Diplomarbeit an der ZHdK habe ich 2007 einen Prototyp für einen interaktiven Stadtführer entwickelt, der solche Hindernisse dokumentiert. Die Absicht hinter dem Projekt «urban hacks» war, dass die physische Struktur im urbanen Raum auf kreative Weise umgenutzt wird.

Das für mich spannendste aber auch mit Abstand schwierigste Hindernis, welches auf dieser Plattform beschrieben wird, heisst «Equi-Libre». Der Name könnte nicht passender sein. Es handelt sich dabei um die perfekt ausbalancierte Plastik des Bildhauers Jörg Altherr in Biel. Wie zwei überdimensional grosse Bleistifte werden zwei Rohre, die nur mit einer faustgrossen Spitze am Boden aufgestützt sind, von einem Stahlseil in der Schwebe gehalten. Dieses Stahlseil hat einen Durchmesser von 4 cm. Die ganze Plastik ist 20 m breit und 8 m hoch. Bei starkem Wind heben und senken sich die Rohre um etwa einen halben Meter.

Noch bevor ich mit Highlinen begann, haben wir den ersten Versuch einer Überschreitung dieser bekannten Skulptur unternommen. Mit einer speziellen Sicherungstechnik haben wir uns dabei gegenseitig dynamisch gesichert. Doch schnell wurde uns klar, dass unsere Fähigkeiten zu dem Zeitpunkt für diese Herausforderung nicht Ansatzweise reichen würden.

Einige Jahre später bin ich auf das Kunstprojekt «143 Wagnisse» von Claudia Roemmel aufmerksam geworden. Für diese Arbeit dokumentiert sie 143 ganz persönliche Wagnisse von verschiedenen Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Für mich war das eine gute Gelegenheit, nochmals einen Überschreitungsversuch der «Equi-Libre» zu wagen.

Insgeheim hoffte ich, dass mir dieses Mal mit meiner zusätzlichen Highline-Erfahrung die Erstbegehung gelingen würde. Doch als ich oben auf dem «Bleistift» sass und sich alles bewegte, kam das mulmige Gefühl von damals wieder zurück. Der Sitzstart auf dem Seil stellte diesmal zwar kein Problem mehr dar und auch fangen konnte ich mich bei jedem Sturz selber. Trotzdem schaffte ich es nicht, das Stahlseil beim Laufen ruhig zu kriegen. Immer wieder wurde ich von den unregelmässigen Schwingungen abgeworfen. So musste ich mich erneut geschlagen geben.

Am 20. September 2013 findet in St. Gallen die Vernissage zur Arbeit «143 Wagnisse» von Claudia Roemmel statt, an der eine Auswahl von 30 dokumentierten Wagnissen gezeigt werden.

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