Reise Integral

Wir waren ziemlich eingeschüchtert, als wir unter dieser unglaublich hohen, freistehenden Eissäule standen. Unzählige Male war ich in den letzten Jahren in Kandersteg zum Eisklettern. Doch so etwas beeindruckendes hatte ich zuvor noch nie von Nahem gesehen. Beim Anblick der etwa 60 Meter hohen, leicht überhängenden Steilwand aus gefrorenem Wasser mussten mein Seilpartner Marc und ich erst Mal leer Schlucken. Seit Tagen liess mich der Gedanken an eine Besteigung dieser faszinierenden Eisskulptur nicht mehr los.

Eine Besonderheit beim Eisklettern besteht darin, dass man am selben Ort immer wieder andere Eisformationen und Kletterrouten vorfindet. Ein paar aussergewöhnliche Linien sind nur alle paar Jahre für ein paar Tage kletterbar. Die Herausforderung besteht darin, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Bei freistehenden Säulen ist dies besonders wichtig. Aufgrund der inneren Spannungen können sie bei Temperaturschwankungen ohne Vorwarnung explodieren.

Die letzten Tage waren immer konstant kalt. Erst am Nachmittag dieses Tages waren wieder wärmere Temperaturen angekündigt. Deshalb waren wir besonders früh unterwegs. Es war immer noch -2°C und wir hatten bereits die ersten zwei Seillängen der 155 Meter langen Route geklettert. Der Nebel hatte sich aufgelöst und gab eine wunderschöne Aussicht mit Morgenstimmung frei.

Nun standen wir an dem Punkt, wo wir uns entscheiden mussten, ob wir unseren Plan umsetzen oder vorzeitig wieder abseilen wollen. Lange studierten wir die Eissäule. Nach längerem Abwägen entschlossen wir uns einzusteigen. Den Stand richteten wir etwas abseits beim Fels hinter der Säule ein, damit der Sicherer gut geschützt war. Für mich als Vorsteiger hatte das den Nachteil, dass ich wieder ein paar Meter absteigen musste und im unteren Teil der Säule, welcher ziemlich röhrig war, ohne Eisschrauben auskommen musste.

Behutsam zog ich mich an meinen Eisgeräten hoch. Als ich endlich die erste Eisschraube in einigermassen kompaktem Eis setzen konnte, war ich sehr erleichtert. Das konstante Klettern im überhängenden Eis mit schlechten Tritten forderte seinen Tribut. Das Anbringen der Zwischensicherungen im Eis war die reinste Kraftübung und wurde zum Nervenspiel. Ein Sturz wollte ich um jeden Preis verhindern. Zurück Klettern war aber auch keine Option. Irgendwann kam ein grosser Überhang, den es zu überwinden galt. Ich wusste, wenn ich diese Schlüsselstelle schaffen würde, hatte ich den Zwischenstand erreicht und den heiklen Teil hinter mir.

Ich sammelte alle meine Kräfte und meinen Mut zusammen und kletterte über die letzte Schraube unter den Überhang. Es war mir klar, dass sich in den nächsten paar Metern entscheiden wird, ob mir die Kraft zum Durchsteigen reicht. Ohne Halt unter den Füssen zog ich mich so schnell es ging an meinen Eisgeräten hoch. Zu meiner Erleichterung gelang es mir die Schlüsselstelle zu überklettern und als ich endlich wieder auf meinen Steigeisen stand, entfuhr mir ein Freudenschrei.

Die zweite Seillänge war dann zum Glück nicht mehr so heikel, dafür aber ziemlich knackig. Völlig ausgepumpt erreichten wir schliesslich den letzten Stand. Wir hatten es tatsächlich geschafft!

«Reise Integral»
IV, WI6, 70 m
Oeschinenwald, Kandersteg

Ein Kommentar zu “Reise Integral”

  1. Meecrob

    PSYCHOBERNHARD! ist ein guter Bernhard.

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