Dreifaltigkeit

Noch nie habe ich ein Projekt so unterschätzt wie die zwei Highlines bei der Dreifaltigkeit im Alpstein. Von der anderen Talseite aus, wo ich die malerischen Felsen zum ersten mal studierte, sah der Zustieg um einiges kürzer und viel weniger steil aus. Dass es dort oben Grashänge gibt, die teilweise über 70° steil sind, hätte ich nicht für möglich gehalten. Beim Eisklettern entspricht eine solche Steigung etwa dem 3. Schwierigkeitsgrad. Der Felsen selber ist zudem brüchig und schwer abzusichern. Kein Wunder gibt es kaum Kletterer, die den Ort aufsuchen. Oder mit den Worten unseres Freundes Mike aus der Ostschweiz gesagt: „Niemand geht zum Spass bei der Dreifaltigkeit klettern“. Unbestritten ist aber auch, dass es nur wenige Highline-Spots gibt, die so ästhetisch und lohnenswert sind wie die Dreifaltigkeit.

Bereits 2012 besuchte ich zusammen mit Reini Keindl aus Graz, Chris „Krr“ Rojek aus Berlin sowieNadeem Al-Khafaji und David Lyons Ewing aus England den Alpstein, mit dem Ziel diese schönen Highlines zu spannen. Wir hatten dazu ein Wochenende eingeplant. Schnell wurde uns jedoch klar, dass die Zeit nicht reichen würde für ein so ambitioniertes Projekt. Nicht nur die unerwartet aufwändige Kletterei auf die Türme machte uns zu schaffen. Auch die Länge der Highlines hatte ich völlig unterschätzt. Meine vermeintlich clevere Idee, auf den Satellitenbildern die Distanz zwischen den Turmspitzen anhand des Schattenwurfes auf dem unebenen Grashang zu messen, hatte sich als nicht besonders brauchbar herausgestellt. Anstelle der erwarteten 40m Länge zeigte mein Laser vor Ort 55m und 68m an. Definitiv keine Länge, die sich ohne Weiteres laufen lässt. Vor allem nicht bei dieser extremen Ausgesetztheit.

In knapp drei Tagen schafften wir es damals gerade mal die Bohrhaken auf der östlichen Dreifaltigkeit anzubringen. Die Kletterei von hinten auf diesen Turm war zwar nicht besonders schwierig, aber sehr heikel und zeitintensiv wegen dem brüchigen Fels. Dan und Nadeem versuchten während zwei Tagen vergeblich, über die Ostseite den mittleren Turm zu erklimmen. Erst am letzten Tag fand ich eine einfachere Route um von hinten an losen Felsen entlang auf die mittlere Dreifaltigkeit zu klettern. Eine unerwartete Herausforderung war zudem das Abseilen von der Spitze der westlichen Dreifaltigkeit, die von vorne die Form einer Pyramide hat. Um auf die Höhe der Highline-Verankerung zu kommen, muss man über einen etwa 45° steilen Grat abseilen, der knapp 20cm breit und nicht besonders kompakt ist. Zwischensicherungen lassen sich keine legen und wenn man das Gleichgewicht verliert, droht ein langer Pendler entlang der Felsplatte links oder rechts vom Grat.

Nachdem wir das Projekt erst mal zwei Jahre ruhen liessen, kamen wir diesen Herbst wieder zurück um das Projekt abzuschliessen. Diesmal hatten wir maximal 5 Tage eingeplant und ein stabiles Hoch sorgte für ideale Voraussetzungen. Von der letzten Crew konnte ich leider nur noch Chris für einen erneuten Versuch gewinnen. Dafür unterstützte uns Mike Stieger mit seinen langjährigen Kletter-Kentnissen über den Alpstein. Mit Fabian Heussler, Sam Metzger und Julian Mittermaier war das neue Team komplett.

Diese Team-Zusammenstellung war nicht ganz unproblematisch. Während ich und Chris es gewohnt sind, unsere Highlines anständig zu spannen, gehört es unter den jüngeren Highlinern mittlerweile fast schon fast zum guten Ton, mit viel Durchhang zu laufen. Insbesondere Julian, der seit kurzem ebenfalls im Landcruising-Team ist, begeht seine Highlines am liebsten fast ohne Vorspannung. Als er diesem Sommer mit uns in der Schweiz zu Besuch war um an der Staumauer von Mauvoisin den aktuellen Highline-Weltrekord aufzustellen, lief er eine 224m lange Dyneema-Highline mit gerade mal 150kg Vorspannung.

Wir entschieden uns deshalb, die längere Highline zur westlichen Dreifaltigkeit mit einem dynamischen Band (Sonic von Landcrusing) und wenig Vorspannung aufzubauen, während die kürzere Line zur östlichen Dreifaltigkeit mit einem etwas leichterem Band (Verve von Landcruising) und mehr Vorspannung geplant war. Als Backup hatten wir ein dynamisches und ein halbstatisches Seil dabei.

Am Abend des ersten Aufbau-Tages war die 68m lange Highline fertig aufgebaut und die Verbindung zur 55er gelegt. Früh am nächsten Morgen machte sich Julian als Erster auf den Weg zur langen Highline. Als wir später Nachkamen, sahen wir ihn bereits auf der Highline in Richtung mittlere Dreifaltigkeit zurück laufen. Einmal mehr beeindruckte er uns, indem er diese exponierte und locker gespannte Highline onsight begehen konnte.

Am Nachmittag war dann auch die 55er fertig aufgebaut. Sam, Fabian und ich versuchten uns daran, doch niemand hatte eine wirkliche Chance an diesem Nachmittag. Als die Sonne bereits hinter den Bergen verschwunden war und wir gerade abseilen wollte, stand plötzlich Chris oben am Materialdepot. Niemand von uns hatte noch mit seinem Erscheinen gerechnet. Seit Tagen war er nicht mehr erreichbar gewesen. Abgemacht war, dass wir uns am Freitag Vormittag im Tal unten treffen würden. Nun war Sonntag Abend und er kam seelenruhig zu uns hochgeklettert. Etwas später war er auch schon auf der Verve-Highline und machte seine ersten Versuche. Während ich am Absteigen war, konnte ich gerade noch sehen, wie Chris kurz vor dem Eindunkeln die Erstbegehung der Highline gelang.

Am Montag machte ich mich als Erster auf zur Dreifaltigkeit. Ich hatte mir vorgenommen an diesem Tag alles zu geben, um diese widerspenstige Highline doch noch Begehen zu können. Die Line hatte sich über Nacht etwas entspannt und war nun etwas angenehmer zu laufen. Die Schwingungen harmonierten nun viel besser mit dem Backupseil, welches sich beim Laufen nicht mehr so aufschaukelte wie am Vortag. Trotzdem scheiterte mein erster Versuch kläglich mit einem schmerzhaften Catch. Ich liess mich aber nicht entmutigen und versuchte immer wieder weiter zu laufen, bis ich schliesslich ein Crossing mit drei Catches und etwas später noch mit zwei schaffte. Obwohl wir bald mit dem Abbau beginnen wollten und sich die Erschöpfung nach den Anstrengungen die letzten Tage immer mehr bemerkbar machte, hatte ich die Hoffnung auf eine Begehung noch nicht ganz aufgegeben.

Während ich eine Pause einlegte und mich stärkte, nutzte Julian die Gelegenheit um diese Highline auch noch schnell zu laufen. Lustigerweise musste er erst ein paar Mal Catchen, bevor er sie dann doch noch ohne weitere Fehler durchlief. Auch Sam konnte sie nach ein paar Versuchen schliesslich fehlerfrei durchgehen. Etwas mehr als eine Stunde blieben mir noch für weitere Versuche, bevor wir mit dem Abbau beginnen wollten.

Frisch gestärkt band ich mich erneut in die Leash ein. Bis etwa zwei Drittel konnte ich ruhig und kontrolliert laufen, bis die Line anfing extrem zittrig zu werden und ich sie nicht mehr ruhig brachte. Bei jedem Schritt drohte ich abgeworfen zu werden und nur mit enormem Kraftaufwand konnte ich mich weiter zum Ende kämpfen ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Die letzten Meter kamen mir endlos vor. Doch schliesslich erreichte ich die Felswand und war überglücklich, dass mir die Überschreitung endlich gelungen war!

Der Lauf zurück war locker und ruhig, bis ich ärgerlicherweise völlig unnötig kurz vor Ende einen Fehler machte und catchen musste. Also nochmals zurück und ein erneuter Versuch. Diesmal nahm ich mir vor, erst im letztmöglichen Moment zu catchen. Als mir nur noch etwa 7 Meter fehlten bis zum Ende, passierte mir das, wovor sich jeder Highliner fürchtet. Ich stürzte und an Stelle eines kontrollierten „Korean-Catch“, bei dem ich mich auf die Line fallen lasse und dort sitzen bleibe, verlor ich nochmals das Gleichgewicht und drehte mich mit der Line im Schnitt einmal darum herum. Es tat höllisch weh!

So schnell gab ich aber nicht auf. Drei weitere erfolgsversprechende Versuche hatte ich, wo ich jeweils ohne grosse Mühe bis zu der Stelle kam, wo ich zuvor den schmerzhaften Sturz hatte. Jedes mal wurde ich unruhig und schaffte es nicht, die letzten paar Meter fertig zu laufen. Völlig erschöpft aber glücklich, dass ich zumindest die eine Richtung laufen konnte, gab ich mich schliesslich geschlagen.

Highline Specs

Name: Dreifaltigkeit
Ort: Westliche Dreifaltigkeit, Alpstein, Schweiz
Länge: 68 m
Fallhöhe: 50 m
Side exposure: ca. 450 m
Bisherige Begehungen: Julian Mittermaier (OSFM)

Name: Scheisse zu Gold
Ort: Östliche Dreifaltigkeit, Alpstein, Schweiz
Länge: 55 m
Fallhöhe: 50 m
Side exposure: ca. 450 m
Bisherige Begehungen: Christian „Krr“ Rojek (FM), Bernhard Witz (HM), Julian Mittermaier (FM), Sam Metzger (FM)

Einen Kommentar schreiben: